COMUNICATIONS

Offener Brief an den Bürgermeister und die Stadtregierung von Reggio Emilia

Reggio Emilia - Friday September 5th, 2008

Mit Besorgnis mussten wir die Nachricht vom drohenden Aus für das Projekt des Collettivo Sottotetto im Viertel Compagnoni zur Kenntnis nehmen. Ein Projekt, das kollektives künstlerisches und politisches Handeln mit dem Alltagsleben und notwendigen Bedürfnissen wie Wohnen verbindet, erfordert Unterstützung, nicht Repression!

Das Projekt des Collettivo Sottotetto im Viertel Compagnoni ist aus verschiedenen Gründen wichtig und unterstützenswert:

Die vom Kollektiv – verschiedenen Einzelpersonen und Familien – eingenommenen, ehemals leerstehenden, und mit eigener Kraft renovierten Wohnungen, für die eine symbolische Miete bezahlt wird, sind eine Basis für den Wiederbeginn eines Lebens in Würde. Sie stellen eine konkrete, phantasievolle und konstruktive Antwort auf die Folgen neoliberaler Politik-Strategien und die zunehmende Prekarisierung des gesamten Lebens dar.

In diesem Projekt sind kollektives Handeln, Solidarität und Interkulturalität nicht nur graue Theorie, sondern gelebte Realität. Hier wird vom Collettivo Sottotetto gemeinsam mit italienischen und migrantischen Familien die vieldiskutierte Sicherheit geschaffen, ohne Überwachungskameras oder einen erhöhten Bedarf an Sicherheitskräften zu brauchen.

Durch das Projekt kann die antifaschistische Tradition des Viertels weiterbestehen, kollektive Erinnerung und Stadt-Geschichte werden nicht nur bewahrt, sondern weiter gelebt.

In diesem Projekt wird nicht vom Recht auf Wohnraum als einem individualistischen Sich-Einschließen in die eigenen vier Wänden gesprochen, sondern es bedeutet auch einen Ort, ein ganzes Viertel zu be-wohnen, soziale Beziehungen in ihm zu knüpfen und ihm Leben und Sozialität zurückzugeben. Auch wird durch das Kunstprojekt Habitat wie durch das im August diesen Jahres eröffnete Museum Moderner Kunst Reggio Emilia, M.A.C.R.E., das in einer dieser Wohnungen seine Heimat gefunden hat, die klassische Trennung zwischen Leben und Kunst aufgehoben.

Auch im europäischen Kontext gibt es nicht allzu viele ähnliche Projekte, weshalb ein Angriff auf das Collettivo Sottotetto nicht zuletzt auch ein Angriff auf ein wegweisendes Projekt im Aufbau einer „anderen Welt“ wäre. Wir sind also nicht „nur“ solidarisch, sondern auch betroffen.

Dieses Projekt bedeutet außerdem einen kleinen Lichtstrahl verglichen mit den immer schlechteren Eindrücken, die ein immer rassistischeres, intolerantes, militarisiertes Italien nicht erst in den letzten Monaten hinterlässt!

Deshalb fordern wir nachdrücklich:

-  Den sofortigen Stopp aller Räumungen
-  Den Erhalt des historischen ArbeiterInnenviertels ‚Via Compagnoni’
-  Eine offizielle Anerkennung des Projekts und der besetzten Wohnungen des Collettivo Sottotetto im Viertel Compagnoni von Seiten der Stadtregierung


IAI (International Alliance of Inhabitants): Globales Netzwerk von Organisationen und Kollektiven der Wohnrechtsbewegung
Habitat Netz e.V., Deutschland, Netzwerk der Bewegung für soziales und ökologisches Wohnen
Projekt Reclaiming Spaces, Internationales Netzwerk für Wohnrecht und urbane Freiräume
Andreas Wirz, Architekt, Eidgenössische Technische Hochhscule (ETH), Zürich, und Mitbegründer der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1, Schweiz
Denise Notter, Architektin, INURA (International Network of Urban Research and Action), Hamburg
Dr. Richard Wolff, Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich und Koordinator des INURA (International Network for Urban Research and Action) Zürich, Schweiz
Grundrisse, Zeitschrift für linke Theorie und Praxis, Wien
Eipcp – European Institute for Progressive Cultural Politics
Hausprojekt AGaThe e.V. (Teil des Mietshäusersyndikats), Kassel
EKH, soziales und kulturelles Zentrum, Wien
Europäisches BürgerInnenforum.
Mathias Durchfeld, Organisator der Antirassistischen Fußballweltmeisterschaft, Berlin/Reggio Emilia dérive.
Zeitschrift für Stadtforschung, Wien
Adam Kästel, Künstler, Stockholm
Mag. Michael Rudolph, Gewerkschaftssekretär, Kassel
Gabriele Gerbasits, Geschäftsführerin der IG Kultur Österreich (Interessensvertretung der freien und autonomen Kulturarbeit in Österreich)
Petra Barz, Dock Europe (Europäische Bildung und Mobilität), Hamburg
Dr. Fady Barcha, Philosoph, Universität Zürich
Dario Azzellini, Politikwissenschaftler, Dokumentarfilmer, Übersetzer, Berlin/Mexico City
Martina Koegl, Institut für Stadt- und Baugeschichte, Technische Universität Graz
Hausprojekt Ligsalz8, München
Tina Leisch, Film- Text- und Theaterarbeiterin, Wien
Petter Lehto, Künstler, Stockholm
Mag. Martin Birker, Philosoph, Wien
Tomas Auran, Kein Mensch ist Illegal, Stockholm
Dr. Karl Reiter, Universitätslektor am Institut für Philosophie, Wien
Jonathan Lewald, Künstler, Stockholm
Bernd Hüttner, Regionalmitarbeiter Bremen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bremen
Mag.a Klara Weiss, Politologin, Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, Wien
Dr. Ute Lehrer, Associate Professor, Faculty of Environmental Studies, York University, Toronto (Canada)
Dr. Klaus Neundlinger, Philosoph, Wien
FelS, Offene Berliner Gruppe, Arbeitsbereiche: Soziales, Antifaschismus, Antirassismus, Internationales, Berlin
Jasmina Jankovich, freiberufliche Übersetzerin, Wien
Dr. Bob Colenutt, University of Northhampton, United Kingdom
Univ.-Prof. Dr. Rudolph Bauer, i. R., Universität Bremen
Erika Doucette, Kulturarbeiterin, Wien
Wohnprojekt fs115, Hamburg-Wilhelmsburg
Dr. Heidi Niederkofler, Historikerin und Coach, Wien
Gender Arbeitskreis DGB Jugend Bremen
Kurt Holzinger, Redakteur der ‚Versorgerin’, Zeitschrift der Stadtwerkstatt Linz
FAU Hamburg, anarchosyndikalistische Gewerkschaftsföderation, Hamburg
Daniela Swarowsky, Künstlerin und Kulturaktivistin, Member of Stichting NAC, Rotterdam (Niederlande)
Dr. Jens Kastner, Soziologe und Kunsthistoriker, Wien
Archiv der sozialen Bewegungen, Bremen
Dr. Helga Amesberger, Sozialwissenschafterin, Wien
Arranca, Für eine linke Strömung, politische Zeitschrift, Berlin
Georg Böhm, Student, Wien
Infoladen Bremen, linker Buchladen und Veranstaltungsort, Bremen
MieterInnenverein Witten, Witten/Ruhr, Deutschland
Mag. Bernhard Weidinger, unterrichtet am Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien
Stadtkommune Alla Hopp (Bonbonfabrik), alternatives Wohnprojekt, Bremen
Stadtratsfraktion der Grünen Liste Erlangen, Deutschland
Queerer Wagenplatz „Schwarzer Kanal“, Berlin

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